Wenn ich meinen Patientinnen sage, dass die Wechseljahre nicht erst mit 50 beginnen, sondern oft schon mit Mitte 30, schauen mich die meisten überrascht an. Und genau das ist das Problem: Die Perimenopause – die Phase vor der eigentlichen Menopause – ist ein blinder Fleck in unserer Gesellschaft. Viele Frauen leiden jahrelang unter Symptomen, die sie nicht einordnen können, weil niemand ihnen gesagt hat, dass ihr Körper sich bereits verändert.
🎙 Dieses Thema habe ich auch in meinem Podcast vertieft – in Folge 3 „Östrogen verstehen“ erkläre ich die Zusammenhänge zwischen Östrogen, Progesteron und Ihren Beschwerden. Jetzt anhören auf Spotify oder überall, wo Sie Podcasts hören.
Was genau ist die Perimenopause?
Die Perimenopause ist die Übergangsphase, in der Ihre Eierstockfunktion allmählich nachlässt. Sie kann 5 bis 15 Jahre vor der letzten Regelblutung beginnen – bei manchen Frauen bereits ab 35. In dieser Zeit schwanken Ihre Hormone nicht einfach nur – sie fahren regelrechte Achterbahn. Mal ist der Östrogenspiegel überhöht, mal fällt er in den Keller. Progesteron dagegen sinkt meist stetig.
Das Tückische: Ihre Regelblutung kann in dieser Phase noch völlig regelmäßig sein. Deshalb denken viele Frauen – und leider auch manche Ärzte – dass die Wechseljahre noch weit weg sind. Die Blutung sagt aber nichts darüber aus, was auf Hormonebene tatsächlich passiert.
Warum Progesteron zuerst sinkt – und was das auslöst
Um das zu verstehen, hilft ein Blick auf den Eisprung. In einem normalen Zyklus springt eine Eizelle aus dem Eierstock. An der Stelle, wo die Eizelle gesessen hat, entsteht der sogenannte Gelbkörper – und genau dieser Gelbkörper ist Ihre wichtigste Progesteronfabrik.
In der Perimenopause passiert etwas Entscheidendes: Die Eisprünge werden unregelmäßig. Manche Zyklen haben gar keinen Eisprung mehr, obwohl die Blutung kommt. Kein Eisprung bedeutet: kein Gelbkörper. Kein Gelbkörper bedeutet: kein Progesteron. Und ohne Progesteron fehlt Ihrem Körper sein wichtigstes Beruhigungsmittel – denn Progesteron wirkt im Gehirn ähnlich wie GABA, der beruhigende Neurotransmitter.
Gleichzeitig kann das Östrogen in dieser Phase sogar ansteigen, weil die Hirnanhangsdrüse immer lauter nach einem Eisprung „ruft“ (durch mehr FSH). So entsteht ein Ungleichgewicht: relativ zu viel Östrogen, zu wenig Progesteron. Diese sogenannte Östrogendominanz ist verantwortlich für viele der frühen Symptome, die Frauen so verunsichern.
Und die Hitzewallungen? Die kommen aus dem Gehirn
Was viele überrascht: Hitzewallungen haben weniger mit der Haut zu tun als mit dem Gehirn. Im Hypothalamus – dem Wärmezentrum Ihres Gehirns – sitzen Östrogenrezeptoren, die die Temperaturregulation mitbestimmen. Wenn der Östrogenspiegel schwankt, wird dieses Wärmezentrum instabil. Es interpretiert normale Körpertemperatur plötzlich als „zu warm“ und löst eine Gegenreaktion aus: Die Blutgefäße weiten sich, die Haut rötet sich, Sie schwitzen – obwohl Ihnen vorher nicht heiß war.
Das erklärt auch, warum Hitzewallungen so unberechenbar sind: Sie folgen den Östrogenschwankungen, die in der Perimenopause von Tag zu Tag anders sein können.
10 Anzeichen, die kaum jemand den Hormonen zuordnet
Die klassischen Symptome wie Hitzewallungen kennt jeder. Aber wussten Sie, dass auch diese Beschwerden typische Frühzeichen der Perimenopause sein können?
Plötzliche Schlafstörungen gehören zu den häufigsten Frühsymptomen. Wenn Sie früher gut geschlafen haben und nun regelmäßig zwischen 2 und 4 Uhr nachts wach werden, kann ein sinkender Progesteronspiegel die Ursache sein. Progesteron wirkt ähnlich wie ein natürliches Beruhigungsmittel auf Ihr Nervensystem – fehlt es, wird der Schlaf oberflächlich und unterbrochen.
Verstärktes PMS ist ein weiteres Warnsignal. Wenn Ihre prämenstruellen Beschwerden plötzlich deutlich schlimmer werden – stärkere Brustspannung, heftigere Stimmungsschwankungen, Wassereinlagerungen – liegt das häufig an der entstehenden Östrogendominanz.
Herzrasen und innere Unruhe verunsichern viele Frauen zutiefst. Manche gehen zum Kardiologen, manche landen in der Notaufnahme – und nichts wird gefunden. Dabei ist Herzrasen ein anerkanntes Symptom hormoneller Schwankungen, das durch den Einfluss von Östrogen auf das Herz-Kreislauf-System entsteht.
Weitere Frühzeichen sind Brain Fog (das Gefühl, als hätten Sie Watte im Kopf), Gelenkschmerzen, die wie aus dem Nichts kommen, eine plötzlich dünnere Haut, vermehrter Haarausfall, Gewichtszunahme trotz gleicher Ernährung, neue oder verstärkte Migräne sowie eine unerwartet heftige Reizbarkeit.
Warum der Frauenarzt oft nichts findet
Ein Blutbild beim Frauenarzt zeigt in der Perimenopause häufig „normale“ Werte. Das liegt daran, dass die Hormone in dieser Phase massiv schwanken – eine einzelne Blutabnahme ist wie eine Momentaufnahme einer Achterbahnfahrt. Außerdem werden Standard-Laborwerte oft nur nach groben Normwerten beurteilt, nicht nach optimalen Werten für Ihr Wohlbefinden.
In meiner Praxis arbeite ich deshalb mit Speicheltests, die über mehrere Zeitpunkte hinweg ein genaueres Bild der Hormonsituation zeigen. Zudem schaue ich mir nicht nur Östrogen und Progesteron an, sondern auch Cortisol, DHEA, Testosteron und die Schilddrüsenwerte – denn all diese Systeme hängen eng zusammen.
Das Goldene Fenster: Warum frühes Handeln entscheidend ist
Die Forschung zeigt immer deutlicher: Es gibt ein optimales Zeitfenster – oft als „Goldenes Fenster“ bezeichnet –, in dem therapeutische Maßnahmen besonders wirksam sind. Je früher Sie in der Perimenopause aktiv werden, desto besser können Sie Ihr Herz, Ihre Knochen und Ihr Gehirn langfristig schützen.
Das bedeutet nicht, dass Sie sofort Hormone nehmen müssen. Es bedeutet: Lassen Sie Ihre Hormonsituation abklären, überprüfen Sie Ihre Mikronährstoffe (Vitamin D, B-Vitamine, Magnesium, Eisen, Selen), achten Sie auf Ihre Darmgesundheit und beginnen Sie frühzeitig mit einer bewussten Ernährung und Stressregulation.
Was Sie jetzt konkret tun können
Der wichtigste erste Schritt ist, Ihre Symptome ernst zu nehmen. Wenn Sie sich „anders“ fühlen – gereizter, müder, ängstlicher, vergesslicher – dann ist das nicht „normal“ und es ist auch keine Mid-Life-Crisis. Es kann ein klarer hormoneller Hintergrund haben, der sich diagnostizieren und behandeln lässt.
In meiner Praxis in Siek begleite ich Frauen genau in dieser Phase. Gemeinsam schauen wir uns Ihre Hormonsituation, Ihren Nährstoffstatus und Ihr Nervensystem an – und entwickeln einen individuellen Plan, der zu Ihrem Leben passt.
Sie möchten wissen, ob ich Ihnen helfen kann?
Erleben Sie unerwartet Symptome, die Sie nicht einordnen können? Ich lade Sie herzlich zu einem Erstgespräch ein, in dem wir gemeinsam herausfinden, ob Ihre Hormone eine Rolle spielen.
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Die Inhalte dieses Artikels dienen der Information und können keine individuelle ärztliche oder heilkundliche Diagnose oder Behandlung ersetzen. Bei akuten oder anhaltenden Beschwerden wenden Sie sich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt Ihres Vertrauens.
Ihre Christiane Abraham 🌿