„Ich dachte wirklich, ich sterbe.“ So beschreiben viele Frauen ihre erste Panikattacke. Sie passiert auf der Autobahn, an der Supermarktkasse oder nachts aus dem Tiefschlaf heraus. Das Herz hämmert, die Finger kribbeln, die Luft wird knapp. Und hinterher, in der Notaufnahme oder beim Arzt, heißt es: alles in Ordnung. In dieser Folge geht es darum, was in diesen Minuten im Körper passiert, warum der Alarm losgeht, obwohl es nirgends brennt, und warum das so oft genau dann geschieht, wenn sich hormonell etwas verschiebt.
Ein Rauchmelder, der schon beim Toast losgeht
Ich arbeite in dieser Folge mit einem Bild. Stellen Sie sich einen Rauchmelder vor, der schon losgeht, wenn Sie Toast machen. Kaputt ist er nicht. Er macht genau das, wofür er gebaut ist: Er meldet Rauch. Er ist nur zu empfindlich eingestellt und kann nicht unterscheiden, ob ein Toast etwas zu braun wird oder der Dachstuhl brennt. Ganz grob ist genau das bei einer Panikattacke los. Und einen Rauchmelder kann man neu einstellen.
Was im Körper passiert
Eine Panikattacke ist kein Gefühl, das man sich einredet. Sie ist ein komplettes Notfallprogramm. Adrenalin wird ausgeschüttet, das Herz schlägt schneller, die Atmung zieht an. Wer dabei schnell atmet, ohne sich zu bewegen, atmet mehr Kohlendioxid ab, als der Körper herstellt. Daher kommen das Kribbeln in den Fingern und um den Mund, der Schwindel und das paradoxe Gefühl, keine Luft zu bekommen, obwohl eher zu viel Luft da ist.
Wichtig: Wenn Sie Brustschmerzen, Atemnot oder Herzrasen zum ersten Mal erleben, lassen Sie das bitte ärztlich abklären. Im Zweifel rufen Sie die 112.
Die Angst vor der Angst
Nach der ersten Attacke hört der Körper genauer hin. Ein harmloses Herzklopfen wird bemerkt, als Gefahr gedeutet, und genau diese Deutung löst das aus, wovor man sich fürchtet. So entsteht die Schleife, die man die Angst vor der Angst nennt. Mit ihr wird die Welt oft Schritt für Schritt kleiner: erst die Autobahn, dann der volle Supermarkt, dann das Konzert, auf das man sich eigentlich gefreut hat.
Wenn doch etwas im Toaster liegt
Viele Frauen bekommen ihre erste Panikattacke mit Mitte oder Ende vierzig, obwohl sie nie ängstlich waren. In meiner Praxis schaue ich deshalb immer auch auf das, was den Alarm körperlich auslösen kann. Vier Mitspieler begegnen mir dabei besonders oft:
- Hormone: In den Jahren vor der Menopause schwankt Östrogen stark, und das Progesteron nimmt ab. Aus Progesteron entsteht ein Stoff, der im Gehirn wie eine eingebaute Bremse wirkt. Wird diese Bremse schwächer, liegt nahe, dass die Schwelle für Angst bei manchen Frauen sinkt.
- Schilddrüse: Eine Überfunktion kann Herzrasen, Unruhe und Zittern verursachen, die sich von einer Panikattacke kaum unterscheiden lassen.
- Blutzucker: Fällt er schnell ab, schüttet der Körper Adrenalin aus, und Adrenalin fühlt sich an wie Angst.
- Histamin: Wenn bestimmte Immunzellen viel davon freisetzen, können Herzrasen, Unruhe und ein heißes Gesicht entstehen. Wie häufig das hinter vermeintlichen Panikattacken steckt, ist noch wenig erforscht.
Bei den meisten Frauen ist es beides: ein körperlicher Funke und ein Melder, der inzwischen so fein eingestellt ist, dass er auf jeden Funken anspringt.
Drei Dinge, die Sie heute ausprobieren können
- Ausatmen statt einatmen. Die Lippen spitzen, als würden Sie durch einen Strohhalm pusten, und die Luft langsam herauslassen. Dann abwarten, bis der Körper von selbst wieder einatmet.
- Den Alarm benennen, statt ihn zu bekämpfen. Ein einziger Satz: „Das ist ein Fehlalarm, er geht vorbei.“ Und einmal auf die Uhr schauen, um zu wissen, wie lange es wirklich gedauert hat.
- Vier Wochen lang ein kleines Protokoll führen. Bei jeder Attacke notieren Sie Uhrzeit, Zyklustag, letzte Mahlzeit, Kaffee und Schlaf. Nebeneinandergelegt zeigt sich oft ein Muster, das vorher unsichtbar war.
Noch tiefer im Blog
- Angststörungen und Panikattacken – wenn Hormone die Psyche durcheinanderwirbeln
- Progesteron – das unterschätzte Hormon
- Schilddrüse und Wechseljahre
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Die Folge gibt es auch auf Spotify: https://open.spotify.com/episode/7GydQINGh8Onz5RJd35zQS
Quelle zur Häufigkeit: Smoller JW et al., Prevalence and correlates of panic attacks in postmenopausal women, Archives of Internal Medicine 2003.
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