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„Aber ich hatte doch eine schöne Kindheit.“ Diesen Satz höre ich in meiner Praxis oft – meistens kurz bevor jemandem die Tränen kommen. Gesagt wird er von Frauen, die funktionieren, die einen Beruf haben, eine Familie, einen vollen Kalender. Und die trotzdem seit Jahren das Gefühl haben, dass in ihnen etwas nicht zur Ruhe kommt. In dieser Folge geht es darum, warum ein Körper Alarm schlägt, obwohl nichts Schlimmes passiert ist – und was ihm helfen kann, wieder zur Ruhe zu kommen.

Wach um zwei Uhr nachts – obwohl alles gut ist

Die Beschwerden, um die es geht, klingen oft unspektakulär. Sie wachen seit Jahren gegen zwei Uhr nachts auf, ohne erkennbaren Grund, mit klopfendem Herzen. Sie bleiben im Auto vor dem Haus noch ein paar Minuten sitzen, bevor Sie hineingehen. Bei einem bestimmten Tonfall fangen Sie sofort an zu schwitzen. Die Werte sind gut, der Rat lautet, kürzerzutreten. Und doch hört dieser Zustand nicht auf.

Ich arbeite in dieser Folge mit einem Bild: Stellen Sie sich vor, in Ihnen steht jemand Wache. Diese Wache wurde irgendwann bezogen, zu einem Zeitpunkt, an dem das nötig war. Sie hat ihre Arbeit gut gemacht. Aber sie wurde nie abgelöst. Und so steht sie seit zwanzig, dreißig, vierzig Jahren und macht nachts um zwei ihre Runde.

Trauma ist nicht das Ereignis

Das größte Missverständnis bei diesem Thema ist die Vorstellung, Trauma sei das, was passiert ist. Trauma ist das, was davon im Nervensystem zurückbleibt. Zwei Menschen erleben denselben Unfall – die eine erzählt zwei Wochen später davon wie von einer Geschichte, die andere erstarrt beim Geräusch quietschender Reifen. Entscheidend ist nicht die Schwere des Ereignisses, sondern was zur Verfügung stand, als es passierte: Konnte man fliehen? War jemand da? Durfte die Reaktion zu Ende gehen?

Die häufigste Form, die in meiner Praxis zugleich am seltensten erkannt wird, besteht nicht aus einem Ereignis, sondern aus einer Dauer. Aus einer Kindheit, in der die Stimmung zu Hause unberechenbar war. Aus einer Mutter, die da war und trotzdem nicht erreichbar. Aus dem frühen Wissen, dass die eigenen Bedürfnisse gerade nicht drankommen. Es gibt keine Szene, kein Datum, nichts zu erzählen – und genau deshalb taucht es in keiner Anamnese auf. Dabei geht es nicht um Schuld, sondern um Verständnis für sich selbst.

Was die Wache mit dem Körper macht

Wer innerlich Wache steht, dem verändert sich nicht die Stimmung, sondern die Einstellung im Hintergrund. Die Muskelspannung bleibt etwas höher, die Aufmerksamkeit für Geräusche etwas offener, der Schlaf etwas flacher. Verdauung und Zyklus werden nachrangig, denn wer mit Bedrohung rechnet, braucht vor allem Handlungsbereitschaft.

Das ist Physiologie und gut untersucht: Die Stressachse zwischen Hypothalamus, Hirnanhangsdrüse und Nebennierenrinde arbeitet bei anhaltender Belastung messbar anders. Große Untersuchungen zu belastenden Kindheitserfahrungen zeigen, dass deren Anzahl mit dem Risiko für spätere körperliche Erkrankungen zusammenhängt – ein statistischer Zusammenhang über große Gruppen, kein Urteil über einen einzelnen Menschen.

Weniger bekannt ist das Erstarren. Wenn weder Wehren noch Weglaufen möglich ist, fährt der Organismus herunter. Viele Frauen erleben das im Streit: Sie werden nicht laut, sie werden leer – und wissen hinterher genau, was sie hätten sagen wollen. Das ist keine Charaktereigenschaft, sondern eine Notbremse, die zu früh anspricht.

Warum Verstehen allein oft nicht reicht

„Ich war doch schon in Therapie.“ Viele Frauen, die das sagen, haben ihre Geschichte gründlich durchgearbeitet und verstanden. Und werden trotzdem nachts um zwei wach. Psychotherapie wirkt, und wer in einer guten Therapie ist, sollte dort bleiben. Es gibt aber eine Lücke: Einsicht und Regulation sind zwei verschiedene Dinge. Die Wache hört nicht zu, sie beobachtet. Sie verlässt ihren Posten nicht, weil jemand erklärt, dass es sicher ist, sondern wenn sie es selbst erlebt.

Deshalb hilft es auch nicht, belastende Erinnerungen noch einmal gründlicher zu durchleben. Ohne ausreichend Halt im Körper bestätigt das dem Nervensystem nur, dass es gefährlich war. Die Frage ist nicht, ob man hinsieht, sondern womit im Rücken.

CRM: eine Wache ablösen statt wegschicken

In meiner Praxis arbeite ich mit dem Comprehensive Resource Model (CRM), entwickelt von der amerikanischen Psychologin Lisa Schwarz. Der Grundgedanke passt genau zu dem Bild der Wache: Man löst sie nicht ab, indem man sie wegschickt, sondern indem jemand kommt, der übernimmt.

Deshalb steht am Anfang die Ressource, nicht die Erinnerung. Zuerst wird etwas aufgebaut, bei dem der Körper spürbar ruhiger wird – ein Ort, ein Mensch, etwas aus der Natur, etwas, das größer ist als man selbst. Nicht als Gedanke, sondern körperlich, bis sich Atmung und Schultern verändern. Erst mit dieser Ressource im Rücken wird das Alte angesehen, nicht noch einmal durchlebt. Sie bestimmen dabei das Tempo und bleiben die ganze Zeit ansprechbar. Wenn Sie sagen, dass es reicht, dann reicht es.

Diese Arbeit braucht Zeit, und sie ist nicht für jede Frau der richtige Weg. In einer akuten Krise, ohne stabilen Boden oder während einer psychiatrischen Behandlung gehört zuerst etwas anderes an den Anfang. Das bespreche ich im Erstgespräch offen.

Drei Dinge, die Sie heute ausprobieren können

Erstens: Schauen Sie sich um. Lassen Sie den Blick langsam durch den Raum wandern, nach links, nach rechts, auch hinter sich – ohne etwas zu suchen. Oft atmet man dabei ganz von selbst tiefer aus.

Zweitens: Summen Sie eine Minute lang, beim Kochen oder im Auto. Summen verlängert die Ausatmung, ohne dass Sie zählen müssen.

Drittens: Suchen Sie Ihre eine Ressource – einen Ort, einen Menschen, ein Tier, eine Erinnerung, bei der Ihr Körper ruhiger wird. Bleiben Sie dreißig Sekunden dabei, bis Sie etwas bemerken, etwa Wärme oder weichere Schultern. Üben Sie das an guten Tagen, nicht erst an schlechten. Und wenn dabei etwas Unangenehmes hochkommt: aufhören, Augen öffnen, umschauen. Das ist kein Scheitern, sondern ein Hinweis, dass dieser Teil Begleitung braucht.

Ein ehrliches Wort zum Schluss

Ich kann nicht versprechen, dass sich alles auflöst. Manches braucht Jahre, manches braucht andere Hilfe. Aber Sie müssen nicht erst beweisen, dass Sie genug erlebt haben, um Hilfe zu verdienen. Ein Nervensystem lernt in jedem Lebensjahrzehnt dazu. Die Wache in Ihnen ist nicht Ihr Feind – sie hat Sie bis hierher gebracht. Sie darf nur endlich schlafen gehen.

Die ganze Folge hören und sehen

Folge 10 von „Naturheilkunde verstehen“ gibt es als Video auf YouTube und als Podcast überall, wo es Podcasts gibt.

YouTube: https://youtu.be/gfImiRYaECc
Spotify: https://open.spotify.com/episode/5VDcECZFhB1cg7Oe2fvKUb

Noch tiefer im Blog

Wenn Sie spüren, dass dieses Thema Sie betrifft, und sich eine Begleitung wünschen: Einen Ersttermin bekommen Sie über diese Website oder per E-Mail an praxis@christiane-abraham.eu.

Und wenn Sie tiefer einsteigen möchten: Tragen Sie sich in meinen Newsletter ein. Als Dankeschön erhalten Sie meinen kostenlosen Leitfaden „Meine Werte sind in Ordnung – und trotzdem geht es mir nicht gut“ – mit acht Fragen, die Sie mit zum nächsten Termin nehmen können.

In akuten Krisen wenden Sie sich bitte an Ihre Ärztin, eine psychotherapeutische Praxis oder die Telefonseelsorge – rund um die Uhr und kostenfrei unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222.

Hinweis: Dieser Beitrag und die Folge dienen der Information und ersetzen keine ärztliche, psychotherapeutische oder heilkundliche Diagnose oder Behandlung.

Christiane Abraham

Naturheilpraxis Christiane Abraham in Siek — Frauengesundheit, hormonelle Stoffwechselregulation und Traumatherapie.

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